Samstag, 21. März 2015
Glück
Unsere Gesellschaft ist auf dem Prinzip aufgebaut, dass jeder die Möglichkeit besitzt glücklich zu werden. Es wird sich in Werbung, sozialen Netzwerken, Filmen, Serien, Liedern, etc. ausgiebig mit diesem Thema auseinandergesetzt und zudem suggeriert, dass es das wichtigste Ziel des Lebens sei, diesen Zustand zu erreichen.
Doch was uns verschwiegen wird, ist, dass Glück nur existiert, weil auch Unglück existiert. Wir wüssten ja gar nicht was Glück ist oder wie es sich anfühlt, wenn wir Unglück, Trauer oder Schmerz nicht kennen würden. Wir sind wie Mäuse die einem Stück Käse (immer glücklich sein) hinterherjagen, doch wenn wir uns dem Stückchen nähern, entfernt sich dieses automatisch. Das Resultat dieses Dilemmas ist, dass wir zunehmend energieloser und kranker werden, was wir aber nicht akzeptieren und immer noch mehr Energie aufwenden um das Stück zu erreichen. Wir sind also in einer abwärts führenden Spirale gefangen und versuchen dennoch immer wieder nach oben zu gelangen, indem wir uns neue Freunde oder Partner suchen, uns stetig selbst und auch andere belügen, usw. Wir suchen verzweifelt nach Dingen die uns wieder nach oben katapultieren, was meistens auch gelingt, doch stellen dann enttäuscht fest, dass wir nach kurzer Zeit noch tiefer gerutscht sind als zuvor. Wir sind sogar schon so weit, dass uns ein innerer Richter ins Ohr flüstert, dass wir schwach sind wenn es uns schlecht geht, wir Kummer haben oder verletzt wurden.
Unsere Gesellschaft und das künstlich aufpolierte Leben vieler Menschen in sozialen Netzwerken nähren diesen Richter unermüdlich, denn wir beginnen unbewusst damit uns mit diesen Menschen zu vergleichen, bemerken aber nicht, dass vieles davon meist mehr Schein als Sein ist. Deshalb birgt der Begriff „soziale“ Netzwerke eine gewisse Ironie in sich, denn es sind vielmehr a-soziale Netzwerke.
Glück oder glücklich sein ist kein dauerhafter Zustand, Leid übrigens auch nicht . Wir kennen aber dennoch alle den ein oder anderen Mensch der oft betont wie glücklich er doch sei. Ich frage mich: Ist es nicht so, dass diese Menschen ihre Augen vor den negativen Seiten, die zum Leben dazugehören, verschließen und sich in eine Art Traumwelt flüchten? Wie sieht das Innenleben dieser Personen aus? Tragen sie möglicherweise eine tiefe Leere mit sich herum, welche sie mit der Illusion des Glücks erfolglos versuchen zu füllen? Bevor wir uns mit anderen vergleichen, sollten wir auf die Dinge hören, die sie nicht sagen und versuchen die Dinge zu sehen, die für das Auge unsichtbar sind. Denn manchmal steckt hinter „schau doch mal wie glücklich ich bin“ nur ein unbewusster Hilferuf, den dieser Mensch nicht einmal selbst wahrnimmt.

Uns werden unzählige Möglichkeiten zur Verfügung gestellt um uns von negativen Gefühlen abzulenken. Und diese Möglichkeiten nutzen wir auch, ohne uns wirklich im Klaren darüber zu sein, wieso wir dies tun und was die Folgen dieser Verdrängungen sind. Erst wenn alles zusammenbricht, realisieren wir, wie viel Zeit wir mit sinnlosen Dingen verschwendet haben, nur weil wir zu schwach! waren negative Gefühle zuzulassen. Selbstverständlich ist es unangenehm solchen Gefühlen ausgesetzt zu sein, doch solange wir nicht erkennen, dass es gesünder ist sie auszuhalten, anstatt sie mit künstlich erzeugten positiven Gefühlen zu überdecken, werden wir keinen Seelenfrieden finden. Dann ist unser Leben lediglich Stillstand und kein Fortschritt der Bestand hat.
Natürlich ist es gesund Dingen nachzugehen die einem selbst gut tun. Das macht einen auch hoffentlich in diesen Momenten glücklich. Doch die Voraussetzung dafür sich „selbst“ etwas Gutes zu tun, ist, sich „selbst“ zu kennen. Nicht alles was uns für einen kurzen Augenblick glücklich zu machen scheint, tut unserer Seele gut. Wenn wir anfangen uns selbst besser kennenzulernen, diese Selbstfindung in die Mitte unseres Lebens stellen, dann erlangen wir einen Zustand der Zufriedenheit und Zufriedenheit kann, im Gegensatz zu “glücklich sein”, sehr lange anhalten. Denn Zufriedenheit steht in der Mitte zwischen Positivem und Negativem, Zufriedenheit fängt da an, wo wir den Käse, Käse sein lassen, uns selbst neu kennenlernen und unsere Lebensziele neu gestalten.
Der gerechtfertigte Wunsch, dass unsere Welt und unser Leben nur aus Freude, Glück und Erfolg besteht, bleibt letztendlich eine Illusion. Wenn man an das Christentum glaubt, dann geht dieser Wunsch nach dem Tod in Erfüllung. Aber auf dieser Welt, auf der wir ca. 70 Jahre verweilen, existieren Gegensätzen, gibt es Höhen und Tiefen und genau das macht das Leben erst interessant. Dies zu akzeptieren und lernen damit umzugehen ist deutlich schwieriger und anstrengender als sich eine Illusion aufzubauen und dieser hinterher zu jagen. Doch wir alle wollen ein „erfülltes“ Leben und zu Fülle gehören alle Seiten des Lebens.
Echtes Glück beginnt da, wo wir nicht mehr von äußeren Bedürfnissen abhängig sind, sondern uns selbst genügen.

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